NRW ist nicht Sachsen-Anhalt – aber auch nicht immun
(Extrem) Rechte Normalisierung und demokratische Handlungsspielräume in Nordrhein-Westfalen
Düsseldorf, 07. September 2026 | Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist auch für Nordrhein-Westfalen relevant. Nicht, weil sich die politischen Verhältnisse beider Länder unmittelbar vergleichen ließen. Sondern weil die Wahl einen Anlass bietet, den Blick auf eine Frage zu richten, die über Wahlergebnisse und parlamentarische Mehrheiten hinausgeht: Was verändert sich in einer Gesellschaft, wenn extrem rechte Positionen zunehmend politische und gesellschaftliche Akzeptanz gewinnen?
Für das Beratungsnetzwerk gegen Rechts in NRW ist deshalb nicht nur entscheidend, wie stark die extreme Rechte bei Wahlen abschneidet. Entscheidend ist auch, was sich im gesellschaftlichen Alltag verändert und welche Handlungsspielräume demokratische Akteur*innen und Betroffene haben.
Die Antwort darauf lässt sich nicht allein aus Wahlergebnissen ablesen. Einen anderen Blick ermöglicht die tägliche Beratungspraxis. Betroffenenberatungsstellen, Mobile Beratung sowie Ausstiegs- und Distanzierungsberatung arbeiten an unterschiedlichen Stellen: mit Menschen, die rechte Gewalt erlebt haben, mit demokratischen Akteur*innen, die unter Druck geraten, und mit Menschen, die sich aus extrem rechten Zusammenhängen lösen wollen.
Unsere Erfahrungen zeigen: Politische Verschiebungen beginnen nicht erst mit einer Regierungsbeteiligung. Sie verändern bereits vorher gesellschaftliche Handlungsspielräume.
Rechte Gewalt verändert gesellschaftliche Handlungsspielräume
Die Betroffenenberatungsstellen betrachten die Entwicklung zunächst aus der Perspektive der Menschen, die unmittelbar von rechter, rassistischer, antisemitischer oder anderer menschenfeindlicher Gewalt betroffen sind.
2025 dokumentierten Opferberatung Rheinland und BackUp 623 rechte, rassistische, antisemitische und weitere menschenfeindliche Angriffe in Nordrhein-Westfalen. 724 Menschen waren unmittelbar betroffen. Damit blieb die Zahl der dokumentierten Angriffe auf einem historischen Höchststand.[1]
Für die Beratung sind solche Zahlen mehr als eine statistische Größe. Ein Angriff kann das Sicherheitsgefühl eines Menschen nachhaltig verändern. Betroffene fragen sich, ob sie bestimmte Orte noch aufsuchen können, ob sie sich öffentlich äußern oder zeigen können und ob sie von staatlichen Institutionen ausreichend geschützt werden.
Dabei wird zunehmend auch die politische Entwicklung selbst zum Thema der Beratung. Menschen, die von Rassismus, Antisemitismus oder Queerfeindlichkeit betroffen sind, erleben politische Debatten nicht ausschließlich als abstrakte Auseinandersetzungen. Sie fragen, was politische Verschiebungen für ihre eigene Sicherheit, ihre gesellschaftliche Zugehörigkeit und ihre Zukunft bedeuten.
Parallel dazu nehmen Beratungsanfragen zu Sicherheitsfragen und psychosozialer Unterstützung an Bedeutung zu.
„Unsere Beratungsnehmenden sind zunehmend verunsichert. Die politische Gesamtentwicklung wird dabei immer häufiger selbst zum Thema der Beratung.“ (Fabian Reeker, Opferberatung Rheinland)
Die Konsequenz geht über die einzelne betroffene Person hinaus: Wenn Menschen aus Sorge vor Anfeindungen bestimmte Orte meiden, ihre öffentliche Sichtbarkeit einschränken oder gesellschaftliche Aktivitäten aufgeben, verändert rechte Gewalt nicht nur individuelle Lebensrealitäten. Sie verändert gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten.
Einschüchterung wirkt auch ohne offene Gewalt
Eine zweite Entwicklung zeigt sich in der Mobilen Beratung. Sie unterstützt Kommunen, Schulen, Vereine, Initiativen, Kulturinstitutionen und andere demokratische Akteur*innen im Umgang mit der (Extremen) Rechten, (extrem) rechter Positionen und Demokratiefeindlichkeit.
Dabei wird deutlich: Politischer Druck muss nicht in einer konkreten Bedrohung bestehen, um Wirkung zu entfalten. Neutralitätsvorwürfe, parlamentarische Anfragen, öffentliche Kampagnen oder gezielte Auseinandersetzungen mit einzelnen Einrichtungen können erhebliche Ressourcen binden.
Das Problem entsteht insbesondere dann, wenn solche Vorgänge nicht isoliert bleiben. Eine Einrichtung, die regelmäßig auf Vorwürfe reagieren, Anfragen bearbeiten, Veranstaltungen absichern oder ihre Arbeit öffentlich rechtfertigen muss, verfügt irgendwann über weniger Ressourcen für ihre eigentliche Aufgabe.
„Einschüchterung beginnt nicht erst mit einer konkreten Bedrohung. Auch dauerhafter Rechtfertigungsdruck kann Handlungsspielräume einschränken.“ (Dominik Schumacher, Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus NRW)
Damit entsteht ein demokratiepolitisch relevantes Problem: Nicht nur offene Gewalt kann dazu führen, dass Menschen oder Institutionen ihr Verhalten verändern. Auch die Erwartung möglicher Angriffe kann präventiv wirken. Das kann dazu führen, dass demokratische Akteur*innen Themen vorsichtiger ansprechen, Veranstaltungen anders planen oder Konflikte vermeiden.
Kultur wird zum politischen Konfliktfeld
Besonders sichtbar wird diese Entwicklung im Umgang mit Kultur. Theater, Museen und soziokulturelle Zentren stehen für eine offene, vielfältige und pluralistische Gesellschaft. Genau deshalb geraten sie zunehmend in politische Auseinandersetzungen. Dabei geht es nicht immer um einzelne Inhalte oder Veranstaltungen. Teilweise wird grundsätzlich infrage gestellt, welche Themen öffentlich verhandelt werden dürfen, welche Gruppen sichtbar sein sollen und welche Vorstellungen von Gesellschaft als legitim gelten.
Die Auseinandersetzung um Kultur ist deshalb auch eine Auseinandersetzung um gesellschaftliche Deutungshoheit.
Für die Mobile Beratung bedeutet das: Demokratische und kulturelle Institutionen brauchen nicht nur fachliche Unterstützung im Umgang mit konkreten Angriffen. Sie brauchen auch den politischen Rückhalt, ihre Arbeit selbstbewusst fortzuführen.
Wenn das Extreme zur vermeintlichen Mehrheitsmeinung wird
Eine weitere Entwicklung beobachtet die Ausstiegs- und Distanzierungsberatung: (Extrem) Rechte Szenen verjüngen sich. Gleichzeitig begegnen Berater*innen Situationen, in denen extrem rechte Positionen von den Betroffenen selbst nicht mehr als extrem wahrgenommen werden.
Das verändert die Voraussetzungen von Distanzierungsarbeit. Wer eine Position als selbstverständlich oder mehrheitsfähig wahrnimmt, sieht weniger Anlass, sie zu hinterfragen.
„Wenn extrem rechte Positionen als gesellschaftlich normal wahrgenommen werden, wird auch ihre Problematisierung schwieriger. Das verändert die Voraussetzungen für Distanzierungsarbeit.“ (Jonas Stapper, NinA NRW)
Diese Entwicklung ist insbesondere bei Jugendlichen relevant. Wenn nicht mehr einzelne Schüler*innen, sondern ganze Gruppen oder Klassen durch extrem rechte Äußerungen auffallen, verändert sich die pädagogische Situation grundlegend. Dann geht es nicht mehr nur darum, einzelne Personen zu erreichen. Es geht um die Frage, welche sozialen Dynamiken dazu führen, dass menschenfeindliche Positionen innerhalb einer Gruppe normal und anschlussfähig werden.
Für die Ausstiegs- und Distanzierungsarbeit bedeutet das zugleich: Die gesellschaftliche Wahrnehmung dessen, was als extrem gilt, beeinflusst auch die Möglichkeit, Menschen für eine Auseinandersetzung mit den eigenen Positionen zu erreichen.
Normalisierung verändert die Bedingungen demokratischer Auseinandersetzung
Die Normalisierung extrem rechter Positionen ist deshalb nicht bloß eine Frage veränderter Sprache oder öffentlicher Debatten. Sie kann konkrete Auswirkungen auf demokratische Prozesse haben.
Wenn eine rassistische, antisemitische oder autoritäre Aussage als bloß „kontroverse Meinung“ behandelt wird, verschiebt sich die Grenze dessen, was gesellschaftlich als akzeptabel gilt.
Wenn demokratische Akteur*innen gleichzeitig befürchten müssen, für ihre Haltung angegriffen zu werden, entsteht ein Ungleichgewicht: Diejenigen, die demokratische Positionen vertreten, tragen zunehmend die Kosten der Auseinandersetzung – während Provokation und Angriff Aufmerksamkeit erzeugen können.
Das kann dazu führen, dass demokratische Akteur*innen vorsichtiger werden.
Und genau hier verbinden sich die Erfahrungen der drei Beratungsbereiche.
Drei Perspektiven – ein Zusammenhang
Die Betroffenenberatunngsstellenn beobachtet Verunsicherung und wachsende Sicherheitsbedarfe.
Die Mobile Beratung beobachtet Druck und Einschränkungen demokratischer Handlungsspielräume.
Die Ausstiegs- und Distanzierungsberatung beobachtet Normalisierung und Verjüngung der (extrem) rechten Szenen.
Diese Entwicklungen können sich gegenseitig verstärken:
Wenn extrem rechte Positionen normaler erscheinen, können sie leichter gesellschaftliche Anschlussfähigkeit gewinnen.
Wenn demokratische Akteur*innen gleichzeitig dauerhaft unter Rechtfertigungsdruck stehen, können sie vorsichtiger werden oder Ressourcen für Abwehr statt für ihre eigentliche Arbeit einsetzen.
Wenn Betroffene den Eindruck gewinnen, dass sich gesellschaftliche Verhältnisse gegen sie verschieben, kann das Vertrauen in Schutz und demokratische Institutionen sinken.
Damit verändert sich nicht nur die Stärke einzelner politischer Akteur*innen. Es verändert sich das gesellschaftliche Kräfteverhältnis.
NRW hat starke Strukturen – aber keine Immunität
Nordrhein-Westfalen verfügt über wichtige Ressourcen, um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Dazu gehören die etablierten Beratungsstrukturen, Demokratiearbeit, Präventionsprogramme, kommunale Netzwerke und eine vielfältige Zivilgesellschaft. Auch die gesetzliche Verankerung des Demokratiezentrums beim Landtag stärkt die politische Aufmerksamkeit für demokratiefeindliche Entwicklungen. Das Landesantidiskriminierungsgesetz NRW, das 2026 beschlossen wurde, ist ein weiterer rechtlicher Baustein.[2] Diese Infrastruktur ist eine wichtige Stärke. Aber sie kann ihre Wirkung nur entfalten, wenn sie dauerhaft finanziell und strukturell abgesichert ist und wenn demokratische Institutionen und politische Entscheidungsträger*innen hinter ihr stehen.
Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, NRW grundsätzlich als gefährdet oder als bereits „gekippt“ zu beschreiben. Vielmehr geht es darum, Belastungen frühzeitig wahrzunehmen und Handlungsmöglichkeiten zu erhalten.
Gerade mit Blick auf die Landtagswahl 2027 sollte die gesellschaftliche Entwicklung deshalb nicht allein anhand von Umfragewerten und Wahlergebnissen betrachtet werden. Ebenso relevant ist die Frage, unter welchen Bedingungen demokratische Teilhabe, zivilgesellschaftliches Engagement und gesellschaftliche Vielfalt in NRW stattfinden können.
Was jetzt gestärkt werden muss
Aus Sicht des Beratungsnetzwerks ergeben sich daraus vier zentrale Aufgaben:
- Betroffene schützen und unterstützen
Niedrigschwellige Betroffenenberatung und psychosoziale Unterstützung müssen angesichts hoher Fallzahlen und zunehmender Verunsicherung dauerhaft gewährleistet sein.
- Demokratische Akteur*innen handlungsfähig halten
Kommunen, Schulen, Kulturinstitutionen, Vereine und Initiativen brauchen fachlichen und politischen Rückhalt, wenn sie unter Druck geraten.
- Prävention und Distanzierungsarbeit ausbauen
Insbesondere angesichts der Verjüngung (extrem) rechten Szenen braucht es langfristige, fachlich fundierte Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
- Normalisierung frühzeitig entgegenwirken
Nicht jede extrem rechte Position wird dadurch weniger problematisch, dass sie häufiger geäußert wird. Demokratiearbeit muss deshalb auch die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptablen thematisieren und menschenfeindlichen Positionen widersprechen.
Der Kipppunkt liegt früher
Ein gesellschaftlicher Kipppunkt beginnt nicht erst dann, wenn eine extrem rechte Partei allein regieren kann.
Er kann viel früher einsetzen:
Wenn Betroffene ihre Sicherheit infrage stellen.
Wenn demokratische Einrichtungen aus Sorge vor Angriffen ihre Arbeit verändern.
Wenn Kommunen, Schulen und Kulturinstitutionen einen wachsenden Teil ihrer Ressourcen für Abwehr und Rechtfertigung aufwenden.
Wenn Jugendliche extrem rechte Positionen als normale Mehrheitsmeinung wahrnehmen.
Und wenn sich demokratische Akteur*innen daran gewöhnen, dass bestimmte Positionen oder Angriffe „nun einmal dazugehören“.
Genau deshalb muss demokratische Handlungsfähigkeit dort gestärkt werden, wo diese Entwicklungen bereits sichtbar werden.
Nordrhein-Westfalen verfügt über starke demokratische Strukturen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob NRW grundsätzlich gut aufgestellt ist.
Die Frage ist, ob diese Strukturen stark genug bleiben, wenn der gesellschaftliche Druck weiter zunimmt.
Der Kipppunkt ist kein einzelner Moment. Er entsteht schrittweise. Und genau deshalb kann ihm auch schrittweise entgegengewirkt werden.
Beratungsnetzwerk gegen Rechts in NRWOpferberatung Rheinland (OBR)
Betroffenenberatung BackUp
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus NRW
NinA NRW – Ausstiegs- und Distanzierungsberatung im Kontext Rechtextremismus
[1] Opferberatung Rheinland / BackUp, Jahresbilanz 2025: Enthemmte Gewalt, steigende Fallzahlen – 623 rechte Angriffe in NRW, 2026. Jahresbilanz der Opferberatung Rheinland
[2] Landesantidiskriminierungsgesetz Nordrhein-Westfalen (LADG NRW), beschlossen 2026, Inkrafttreten 1. Oktober 2026. Gesetzestext auf recht.nrw.de