(Extrem) Rechte Normalisierung und demokratische Handlungsspielräume in Nordrhein-Westfalen

Düsseldorf, 07. September 2026 | Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist auch für Nordrhein-Westfalen relevant. Nicht, weil sich die politischen Verhältnisse beider Länder unmittelbar vergleichen ließen. Sondern weil die Wahl einen Anlass bietet, den Blick auf eine Frage zu richten, die über Wahlergebnisse und parlamentarische Mehrheiten hinausgeht: Was verändert sich in einer Gesellschaft, wenn extrem rechte Positionen zunehmend politische und gesellschaftliche Akzeptanz gewinnen?

Für das Beratungsnetzwerk gegen Rechts in NRW ist deshalb nicht nur entscheidend, wie stark die extreme Rechte bei Wahlen abschneidet. Entscheidend ist auch, was sich im gesellschaftlichen Alltag verändert und welche Handlungsspielräume demokratische Akteur*innen und Betroffene haben.

Die Antwort darauf lässt sich nicht allein aus Wahlergebnissen ablesen. Einen anderen Blick ermöglicht die tägliche Beratungspraxis. Betroffenenberatungsstellen, Mobile Beratung sowie Ausstiegs- und Distanzierungsberatung arbeiten an unterschiedlichen Stellen: mit Menschen, die rechte Gewalt erlebt haben, mit demokratischen Akteur*innen, die unter Druck geraten, und mit Menschen, die sich aus extrem rechten Zusammenhängen lösen wollen.

Unsere Erfahrungen zeigen: Politische Verschiebungen beginnen nicht erst mit einer Regierungsbeteiligung. Sie verändern bereits vorher gesellschaftliche Handlungsspielräume.

Rechte Gewalt verändert gesellschaftliche Handlungsspielräume

Die Betroffenenberatungsstellen betrachten die Entwicklung zunächst aus der Perspektive der Menschen, die unmittelbar von rechter, rassistischer, antisemitischer oder anderer menschenfeindlicher Gewalt betroffen sind.

2025 dokumentierten Opferberatung Rheinland und BackUp 623 rechte, rassistische, antisemitische und weitere menschenfeindliche Angriffe in Nordrhein-Westfalen. 724 Menschen waren unmittelbar betroffen. Damit blieb die Zahl der dokumentierten Angriffe auf einem historischen Höchststand.[1]

Für die Beratung sind solche Zahlen mehr als eine statistische Größe. Ein Angriff kann das Sicherheitsgefühl eines Menschen nachhaltig verändern. Betroffene fragen sich, ob sie bestimmte Orte noch aufsuchen können, ob sie sich öffentlich äußern oder zeigen können und ob sie von staatlichen Institutionen ausreichend geschützt werden.

Dabei wird zunehmend auch die politische Entwicklung selbst zum Thema der Beratung. Menschen, die von Rassismus, Antisemitismus oder Queerfeindlichkeit betroffen sind, erleben politische Debatten nicht ausschließlich als abstrakte Auseinandersetzungen. Sie fragen, was politische Verschiebungen für ihre eigene Sicherheit, ihre gesellschaftliche Zugehörigkeit und ihre Zukunft bedeuten.

Parallel dazu nehmen Beratungsanfragen zu Sicherheitsfragen und psychosozialer Unterstützung an Bedeutung zu.

„Unsere Beratungsnehmenden sind zunehmend verunsichert. Die politische Gesamtentwicklung wird dabei immer häufiger selbst zum Thema der Beratung.“ (Fabian Reeker, Opferberatung Rheinland)

Die Konsequenz geht über die einzelne betroffene Person hinaus: Wenn Menschen aus Sorge vor Anfeindungen bestimmte Orte meiden, ihre öffentliche Sichtbarkeit einschränken oder gesellschaftliche Aktivitäten aufgeben, verändert rechte Gewalt nicht nur individuelle Lebensrealitäten. Sie verändert gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten.

Einschüchterung wirkt auch ohne offene Gewalt

Eine zweite Entwicklung zeigt sich in der Mobilen Beratung. Sie unterstützt Kommunen, Schulen, Vereine, Initiativen, Kulturinstitutionen und andere demokratische Akteur*innen im Umgang mit der (Extremen) Rechten, (extrem) rechter Positionen und Demokratiefeindlichkeit.

Dabei wird deutlich: Politischer Druck muss nicht in einer konkreten Bedrohung bestehen, um Wirkung zu entfalten. Neutralitätsvorwürfe, parlamentarische Anfragen, öffentliche Kampagnen oder gezielte Auseinandersetzungen mit einzelnen Einrichtungen können erhebliche Ressourcen binden. 

Das Problem entsteht insbesondere dann, wenn solche Vorgänge nicht isoliert bleiben. Eine Einrichtung, die regelmäßig auf Vorwürfe reagieren, Anfragen bearbeiten, Veranstaltungen absichern oder ihre Arbeit öffentlich rechtfertigen muss, verfügt irgendwann über weniger Ressourcen für ihre eigentliche Aufgabe.

„Einschüchterung beginnt nicht erst mit einer konkreten Bedrohung. Auch dauerhafter Rechtfertigungsdruck kann Handlungsspielräume einschränken.“ (Dominik Schumacher, Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus NRW)

Damit entsteht ein demokratiepolitisch relevantes Problem: Nicht nur offene Gewalt kann dazu führen, dass Menschen oder Institutionen ihr Verhalten verändern. Auch die Erwartung möglicher Angriffe kann präventiv wirken. Das kann dazu führen, dass demokratische Akteur*innen Themen vorsichtiger ansprechen, Veranstaltungen anders planen oder Konflikte vermeiden.

Kultur wird zum politischen Konfliktfeld

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung im Umgang mit Kultur. Theater, Museen und soziokulturelle Zentren stehen für eine offene, vielfältige und pluralistische Gesellschaft. Genau deshalb geraten sie zunehmend in politische Auseinandersetzungen. Dabei geht es nicht immer um einzelne Inhalte oder Veranstaltungen. Teilweise wird grundsätzlich infrage gestellt, welche Themen öffentlich verhandelt werden dürfen, welche Gruppen sichtbar sein sollen und welche Vorstellungen von Gesellschaft als legitim gelten.

Die Auseinandersetzung um Kultur ist deshalb auch eine Auseinandersetzung um gesellschaftliche Deutungshoheit.

Für die Mobile Beratung bedeutet das: Demokratische und kulturelle Institutionen brauchen nicht nur fachliche Unterstützung im Umgang mit konkreten Angriffen. Sie brauchen auch den politischen Rückhalt, ihre Arbeit selbstbewusst fortzuführen.

Wenn das Extreme zur vermeintlichen Mehrheitsmeinung wird

Eine weitere Entwicklung beobachtet die Ausstiegs- und Distanzierungsberatung: (Extrem) Rechte Szenen verjüngen sich. Gleichzeitig begegnen Berater*innen Situationen, in denen extrem rechte Positionen von den Betroffenen selbst nicht mehr als extrem wahrgenommen werden.

Das verändert die Voraussetzungen von Distanzierungsarbeit. Wer eine Position als selbstverständlich oder mehrheitsfähig wahrnimmt, sieht weniger Anlass, sie zu hinterfragen.

„Wenn extrem rechte Positionen als gesellschaftlich normal wahrgenommen werden, wird auch ihre Problematisierung schwieriger. Das verändert die Voraussetzungen für Distanzierungsarbeit.“ (Jonas Stapper, NinA NRW)

Diese Entwicklung ist insbesondere bei Jugendlichen relevant. Wenn nicht mehr einzelne Schüler*innen, sondern ganze Gruppen oder Klassen durch extrem rechte Äußerungen auffallen, verändert sich die pädagogische Situation grundlegend. Dann geht es nicht mehr nur darum, einzelne Personen zu erreichen. Es geht um die Frage, welche sozialen Dynamiken dazu führen, dass menschenfeindliche Positionen innerhalb einer Gruppe normal und anschlussfähig werden.

Für die Ausstiegs- und Distanzierungsarbeit bedeutet das zugleich: Die gesellschaftliche Wahrnehmung dessen, was als extrem gilt, beeinflusst auch die Möglichkeit, Menschen für eine Auseinandersetzung mit den eigenen Positionen zu erreichen.

Normalisierung verändert die Bedingungen demokratischer Auseinandersetzung

Die Normalisierung extrem rechter Positionen ist deshalb nicht bloß eine Frage veränderter Sprache oder öffentlicher Debatten. Sie kann konkrete Auswirkungen auf demokratische Prozesse haben.

Wenn eine rassistische, antisemitische oder autoritäre Aussage als bloß „kontroverse Meinung“ behandelt wird, verschiebt sich die Grenze dessen, was gesellschaftlich als akzeptabel gilt.
Wenn demokratische Akteur*innen gleichzeitig befürchten müssen, für ihre Haltung angegriffen zu werden, entsteht ein Ungleichgewicht: Diejenigen, die demokratische Positionen vertreten, tragen zunehmend die Kosten der Auseinandersetzung – während Provokation und Angriff Aufmerksamkeit erzeugen können. 

Das kann dazu führen, dass demokratische Akteur*innen vorsichtiger werden.
Und genau hier verbinden sich die Erfahrungen der drei Beratungsbereiche.

Drei Perspektiven – ein Zusammenhang

Die Betroffenenberatunngsstellenn beobachtet Verunsicherung und wachsende Sicherheitsbedarfe.
Die Mobile Beratung beobachtet Druck und Einschränkungen demokratischer Handlungsspielräume.
Die Ausstiegs- und Distanzierungsberatung beobachtet Normalisierung und Verjüngung der (extrem) rechten Szenen.

Diese Entwicklungen können sich gegenseitig verstärken:
Wenn extrem rechte Positionen normaler erscheinen, können sie leichter gesellschaftliche Anschlussfähigkeit gewinnen.
Wenn demokratische Akteur*innen gleichzeitig dauerhaft unter Rechtfertigungsdruck stehen, können sie vorsichtiger werden oder Ressourcen für Abwehr statt für ihre eigentliche Arbeit einsetzen.
Wenn Betroffene den Eindruck gewinnen, dass sich gesellschaftliche Verhältnisse gegen sie verschieben, kann das Vertrauen in Schutz und demokratische Institutionen sinken.

Damit verändert sich nicht nur die Stärke einzelner politischer Akteur*innen. Es verändert sich das gesellschaftliche Kräfteverhältnis.

NRW hat starke Strukturen – aber keine Immunität

Nordrhein-Westfalen verfügt über wichtige Ressourcen, um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Dazu gehören die etablierten Beratungsstrukturen, Demokratiearbeit, Präventionsprogramme, kommunale Netzwerke und eine vielfältige Zivilgesellschaft. Auch die gesetzliche Verankerung des Demokratiezentrums beim Landtag stärkt die politische Aufmerksamkeit für demokratiefeindliche Entwicklungen. Das Landesantidiskriminierungsgesetz NRW, das 2026 beschlossen wurde, ist ein weiterer rechtlicher Baustein.[2] Diese Infrastruktur ist eine wichtige Stärke. Aber sie kann ihre Wirkung nur entfalten, wenn sie dauerhaft finanziell und strukturell abgesichert ist und wenn demokratische Institutionen und politische Entscheidungsträger*innen hinter ihr stehen.

Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, NRW grundsätzlich als gefährdet oder als bereits „gekippt“ zu beschreiben. Vielmehr geht es darum, Belastungen frühzeitig wahrzunehmen und Handlungsmöglichkeiten zu erhalten.

Gerade mit Blick auf die Landtagswahl 2027 sollte die gesellschaftliche Entwicklung deshalb nicht allein anhand von Umfragewerten und Wahlergebnissen betrachtet werden. Ebenso relevant ist die Frage, unter welchen Bedingungen demokratische Teilhabe, zivilgesellschaftliches Engagement und gesellschaftliche Vielfalt in NRW stattfinden können.

Was jetzt gestärkt werden muss

Aus Sicht des Beratungsnetzwerks ergeben sich daraus vier zentrale Aufgaben:

  1. Betroffene schützen und unterstützen

Niedrigschwellige Betroffenenberatung und psychosoziale Unterstützung müssen angesichts hoher Fallzahlen und zunehmender Verunsicherung dauerhaft gewährleistet sein.

  • Demokratische Akteur*innen handlungsfähig halten

Kommunen, Schulen, Kulturinstitutionen, Vereine und Initiativen brauchen fachlichen und politischen Rückhalt, wenn sie unter Druck geraten.

  • Prävention und Distanzierungsarbeit ausbauen

Insbesondere angesichts der Verjüngung (extrem) rechten Szenen braucht es langfristige, fachlich fundierte Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

  • Normalisierung frühzeitig entgegenwirken

Nicht jede extrem rechte Position wird dadurch weniger problematisch, dass sie häufiger geäußert wird. Demokratiearbeit muss deshalb auch die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptablen thematisieren und menschenfeindlichen Positionen widersprechen.

Der Kipppunkt liegt früher

Ein gesellschaftlicher Kipppunkt beginnt nicht erst dann, wenn eine extrem rechte Partei allein regieren kann.

Er kann viel früher einsetzen:
Wenn Betroffene ihre Sicherheit infrage stellen.
Wenn demokratische Einrichtungen aus Sorge vor Angriffen ihre Arbeit verändern.
Wenn Kommunen, Schulen und Kulturinstitutionen einen wachsenden Teil ihrer Ressourcen für Abwehr und Rechtfertigung aufwenden.
Wenn Jugendliche extrem rechte Positionen als normale Mehrheitsmeinung wahrnehmen.
Und wenn sich demokratische Akteur*innen daran gewöhnen, dass bestimmte Positionen oder Angriffe „nun einmal dazugehören“.

Genau deshalb muss demokratische Handlungsfähigkeit dort gestärkt werden, wo diese Entwicklungen bereits sichtbar werden.

Nordrhein-Westfalen verfügt über starke demokratische Strukturen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob NRW grundsätzlich gut aufgestellt ist.

Die Frage ist, ob diese Strukturen stark genug bleiben, wenn der gesellschaftliche Druck weiter zunimmt.

Der Kipppunkt ist kein einzelner Moment. Er entsteht schrittweise. Und genau deshalb kann ihm auch schrittweise entgegengewirkt werden.

Beratungsnetzwerk gegen Rechts in NRWOpferberatung Rheinland (OBR)
Betroffenenberatung BackUp
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus NRW
NinA NRW – Ausstiegs- und Distanzierungsberatung im Kontext Rechtextremismus


[1] Opferberatung Rheinland / BackUp, Jahresbilanz 2025: Enthemmte Gewalt, steigende Fallzahlen – 623 rechte Angriffe in NRW, 2026. Jahresbilanz der Opferberatung Rheinland

[2] Landesantidiskriminierungsgesetz Nordrhein-Westfalen (LADG NRW), beschlossen 2026, Inkrafttreten 1. Oktober 2026. Gesetzestext auf recht.nrw.de


Pressemitteilung des Beratungsnetzwerks gegen Recht ins NRW

Jahresstatistik 2025 dokumentiert Höchststand rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Nordrhein-Westfalen

Pressemitteilung der Betroffenenberatungsstellen Opferberatung Rheinland und BackUp

Düsseldorf 21.07.2026 — Die unabhängigen Betroffenenberatungsstellen OBR und BackUp haben heute ihre Jahresstatistik rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Nordrhein-Westfalen veröffentlicht. Die Zahlen für das Jahr 2025 zeichnen ein alarmierendes Bild: Mit 623 dokumentierten rechten Angriffen wurde der historische Höchststand des Vorjahres (seit Erfassung durch die Opferberatungsstellen) erneut überschritten. 724 Menschen wurden unmittelbar Opfer rechter Gewalt. Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die die Beratungsstellen seit mehreren Jahren beobachten: Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt verfestigt sich in Nordrhein-Westfalen auf einem alarmierend hohen Niveau.

Für OBR und BackUp ist der erneute Höchststand weit mehr als eine statistische Entwicklung. Er steht für eine zunehmende Enthemmung dieser Gewalt und ein gesellschaftliches Klima, in dem menschenfeindliche Einstellungen sichtbarer werden und sich Täter*innen zunehmend in ihrem Handeln bestärkt fühlen. Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt richtet sich gegen Menschen, die aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität angegriffen werden, ebenso wie gegen diejenigen, die sich für Demokratie, Menschenrechte und eine vielfältige Gesellschaft einsetzen. Sie zielt darauf ab, Menschen einzuschüchtern, sie aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen und demokratische Teilhabe einzuschränken.

„Dass wir bereits zum zweiten Mal in Folge einen historischen Höchststand seit Erfassungsstart durch die Beratungsstellen dokumentieren, darf niemand als neue Normalität hinnehmen. Die Zahlen zeigen, dass rechte, rassistische und antisemitische Gewalt kein vorübergehendes Phänomen ist, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung, die sich weiter verschärft. Wo menschenfeindliche Positionen normalisiert werden, sinken die Hemmschwellen für Gewalt.“ (Anouk A., Projektleitung BackUp NRW).

Besonders auffällig ist der massive Anstieg der Angriffe auf politische Gegner*innen. Mit 181 dokumentierten Fällen hat sich ihre Zahl gegenüber dem Vorjahr nahezu verdoppelt. Rassistische Gewalt bleibt mit 313 Angriffen die häufigste Tatmotivation. Darüber hinaus dokumentierten OBR und BackUp 57 antisemitische sowie 54 queerfeindliche Gewalttaten

Die Beratungsstellen weisen darauf hin, dass hinter jeder dokumentierten Tat Menschen stehen, deren Leben durch rechte, rassistische und antisemitische Gewalt nachhaltig verändert wird. Viele Betroffene leiden unter körperlichen und psychischen Folgen, ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück oder vermeiden Orte, an denen sie sich nicht mehr sicher fühlen. Diese Gewalt wirkt deshalb weit über die unmittelbar Angegriffenen hinaus: Sie schafft Angst, verunsichert ganze Communities und greift die Grundlagen eines gleichberechtigten gesellschaftlichen Zusammenlebens an.

Gleichzeitig bildet die Statistik nur einen Teil des tatsächlichen Ausmaßes rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt ab. Viele Betroffene erstatten keine Anzeige oder wenden sich aus Angst vor weiteren Diskriminierungserfahrungen nicht an staatliche Stellen. Die Beratungsstellen gehen daher von einem erheblichen Dunkelfeld aus. Umso wichtiger sind die unabhängige Dokumentation dieser Gewalt und die niedrigschwellige Unterstützung von Betroffenen.

Aus Sicht von OBR und BackUp braucht es jetzt entschlossenes politisches Handeln. Die Beratungsstellen fordern einen wirksamen Schutz von Betroffenen und besonders gefährdeten Gruppen, eine dauerhaft gesicherte Finanzierung unabhängiger Betroffenenberatungsstellen, die konsequente Anerkennung rechter, rassistischer und antisemitischer Tatmotive durch Polizei und Justiz sowie eine klare politische Auseinandersetzung mit der zunehmenden Normalisierung von Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

„Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie entwickelt sich in einem gesellschaftlichen Klima, in dem menschenfeindliche Ideologien verbreitet, relativiert oder politisch instrumentalisiert werden. Wer Betroffene schützen will, muss deshalb nicht nur die Taten verfolgen, sondern auch den Bedingungen entgegentreten, die diese Gewalt begünstigen. Demokratie zeigt sich daran, ob alle Menschen ohne Angst am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.“ (Fabian Reeker, Projektleitung Opferberatung Rheinland).

Mit ihrer Jahresstatistik machen OBR und BackUp das Ausmaß rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Nordrhein-Westfalen sichtbar. Die Beratungsstellen begleiten Betroffene landesweit und setzen sich dafür ein, dass ihre Erfahrungen ernst genommen werden – als Grundlage für wirksamen Opferschutz und eine demokratische Gesellschaft.Das Demokratiezentrum NRW, das seit 2026 unter dem Dach der Landeszentrale für politische Bildung beim Präsidenten des Landtags Nordrhein-Westfalen angesiedelt ist, fördert die Betroffenenberatungsstellen über Landes- und Bundesmittel.

Die Jahresstatistik zum Ausmaß rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Nordrhein-Westfalen ist alarmierend: Hinter jeder Zahl stehen Menschen, die Angriffe oder Bedrohungen erfahren haben – mit oft weitreichenden Folgen für ihr Sicherheitsgefühl, ihr Vertrauen in die Gesellschaft und in Institutionen“ sagt Rana Aydin-Kandler, Leiterin des Demokratiezentrums NRW. „Beratungsstellen wie die Opferberatung Rheinland und BackUp leisten für Betroffene und ihre Angehörigen unverzichtbare Unterstützung: Sie sind niedrigschwellig erreichbar, erkennen die Gewalterfahrung von Betroffenen an und entwickeln gemeinsam mit ihnen Handlungsmöglichkeiten. Das anhaltend hohe Niveau der dokumentierten rechten Gewalt in NRW – darunter insbesondere rassistisch motivierte Taten – verdeutlicht einmal mehr den großen Bedarf an verlässlichen Beratungs- und Präventionsstrukturen. Ziel des Demokratiezentrums ist es daher, diese Angebote dauerhaft zu stärken. Das Gesetz zur Unabhängigkeit der Landeszentrale für politische Bildung bildet eine wichtige Grundlage dafür.“

Ansprechpartner*innen für Interviews und Rückfragen:

Niklas Weitekamp (OBR) | Telefon: 01575 / 2734908 | Mail: presse[at]opferberatung-rheinland.de
Toni Wagner (BackUp) | Telefon: 01520 / 634 31 35 | Mail: presse[at]backup-nrw.org

Pressemittelung: Rechte Gewalt 2025: Enthemmte Gewallt, steigende Fallzahlen – Jahresbilanz der Betroffenenberatungsstellen NRW

Hintergrundpapier Jahresbilanz rechter Gewalt 2025: Enthemmte Gewalt, steigende Fallzahlen. Langfassung

Hintergrundpapier Jahresbilanz rechter Gewalt 2025: Enthemmte Gewalt, steigende Fallzahlen. Kurzfassung

Statements der Betroffenenberatungsstellen in NRW

Hier finden Sie Stellungsnahmen aus den Betroffenenberatungsstellen in NRW, BackUp und Opferberatung Rheinland (OBR). Die Aussagen in den Stellungsnahmen dürfen nicht verändert oder gekürzt (oder erweitert) werden. Sie können unter Nennung der Namen und geläufigen Zitierweisen für Artikel und Beiträge etc. durch Presse und Wissenschaft genutzt werden.

Statements zur Jahresstatistik 2025 der Betroffenenberatungsstellen in NRW

Folgende Grafiken können mit Nennung der Quelle gerne genutzt werden:

Das Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus in NRW zieht eine besorgniserregende Jahresbilanz 2025. Im Rahmen einer Pressekonferenz am 09.12.2025 in Düsseldorf stellt das Netzwerk aktuelle Entwicklungen, zentrale Herausforderungen und dringenden politischen Handlungsbedarf vor.

Das Beratungsnetzwerk setzt sich aus den Teams der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in NRW, den Opfer- und Betroffenenberatungen OBR und BackUp sowie der Ausstiegs- und Distanzierungsberatung NinA NRW zusammen.

Drei alarmierende Entwicklungen im Jahr 2025

Die Auswertung der Beratungsarbeit zeigt drei zentrale Trends für das Jahr 2025, die die gesellschaftliche Lage in Nordrhein-Westfalen nachhaltig prägen:

1. Normalisierung von Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft
Extrem rechte, rassistische und antisemitische wie auch queerfeindliche Haltungen sind zunehmend gesellschaftlich anschlussfähig. Besonders sichtbar wird dies auch durch die flächendeckende kommunalpolitische Verankerung der AfD in NRW nach den Kommunalwahlen 2025. Diese Entwicklung hat erhebliche Auswirkungen auf das gesellschaftliche Klima und das Sicherheitsgefühl vieler Menschen.

2. Erstarkung rechter Strukturen und gezielte Radikalisierung junger Menschen
Rechte Gruppierungen und Einzelpersonen treten 2025 mit deutlich gesteigertem Selbstbewusstsein auf. Gleichzeitig beobachten die Beratungsstellen eine gezielte Ansprache und Radikalisierung von Jugendlichen. Die wachsende Gewaltbereitschaft und die Verjüngung der Täter*innen spiegeln eine gefährliche gesellschaftliche Verschiebung wider.

3. Steigende Anfragen und Intensivierung der Gewalt
Die Beratungsstellen verzeichnen ist den letzten Jahren einen quantitativen Anstieg der Anfragen sowie eine qualitative Verschärfung der Fälle. Bedrohungen werden expliziter, Übergriffe gewalttätiger und digitale Attacken zunehmend koordiniert – auch im Kontext des Wahlkampfs.

Die Folge: Immer mehr Menschen benötigen schnelle und langfristige professionelle Unterstützung. Die Beratungsstellen stehen damit vor der Herausforderung, schneller zu reagieren, häufiger vor Ort zu sein und verstärkt Sicherheitsaspekte in ihre Arbeit einzubeziehen.

Was das für Beratungsnehmende bedeutet

1. Zunehmende Verunsicherung im Alltag
Betroffene berichten, dass sie sich weniger geschützt fühlen und häufiger selbst Strategien entwickeln müssen, um sich vor Anfeindungen und Gewalt zu schützen. Engagierte Fachkräfte und Organisationen sowie Angehörige von extrem rechten Personen fühlen sich oft überfordert und im Alltag allein gelassen.

2. Höhere Belastung durch komplexe Problemlagen
Betroffene rechter Gewalt stehen oft nicht nur einer akuten Tat gegenüber, sondern fortgesetzten Bedrohungen – analog wie digital. Auch engagierte Fachkräfte und Vereine sind häufig mit schwierigen Fällen und persönlicher Belastung konfrontiert. Ebenso haben Menschen, die sich aus extrem rechten Strukturen zurückziehen möchten, mit vielfältigen Problemlagen zu tun.

3. Erschwerter Zugang zu dringend benötigter Unterstützung
Alle Beratungsnehmenden eint: Steigende Anfragen und komplexere Fallkonstellationen führen zu längeren Wartezeiten und Verzögerungen – mit unmittelbaren Folgen für ihre Sicherheit, Stabilisierung und Rechte.

Dringender Bedarf einer substanziellen Aufstockung der Förderung

Um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden, benötigen die Beratungsstellen eine deutliche Erhöhung und langfristige Absicherung der finanziellen Mittel. Sie begrüßen das „Gesetz zur Stärkung der Unabhängigkeit und Überparteilichkeit der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen“ und die deutlich bekundete Absicht aller demokratischen Fraktionen des Landtags, die Arbeit des Beratungsnetzwerks gegen Rechtsextremismus im Jahr 2026 abzusichern. Jedoch braucht es über die Sicherung des Status Quo hinaus eine dauerhafte, dynamisierte und verlässliche Förderung der Beratungsstellen. Nur so können sie auf die kontinuierlich steigenden Bedarfe zeitnah und professionell reagieren. Zudem ist eine umfassende Stärkung der zivilgesellschaftlichen Demokratiearbeit unerlässlich, um den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen wirksam entgegenzutreten.


Kontakte

Textfeld: Ronja Heukelbach
Ronja.Heukelbach@STADT-KOELN.DE
(+49) 0152 - 579 156 90
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus NRW

mbr@stadt-koeln.de

Ausstiegs- und Distanzierungsberatung NinA NRWTextfeld: Jonas Stapper
jonas.stapper@reinit.de
(+49) 0157 - 805 481 10

nina.nrw@reinit.de

Opferberatung Rheinland (OBR)Textfeld: Fabian Reeker
fr@opferberatung-rheinland.de
(+49) 0177 - 844 357 2

presse@opferberatung-rheinland.de

Stimmen aus dem Beratungsnetzwerk
gegen Rechtsextremismus in NRW

Der Beratungsbedarf von Menschen, die sich für Demokratie einsetzen, die aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexuellen oder geschlechtlichen Identität angegriffen werden oder sich von extrem rechten Strukturen lösen wollen, nimmt spürbar zu. Unsere Arbeit ist unverzichtbar – sie darf nicht an fehlenden Ressourcen scheitern. Um Ratsuchende weiterhin verlässlich zu unterstützen und zu stärken fordern wir die Landesregierung NRW eindringlich auf, die bestehenden Beratungsstrukturen dauerhaft abzusichern und auszubauen. Demokratie braucht Schutz – jetzt mehr denn je!, so die gemeinsame Einschätzung des Beratungsnetzwerks gegen Rechtsextremismus in NRW.

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus NRW

Ronja Heukelbach, Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus NRW

„Was wir 2025 erleben, ist eine gefährliche Normalisierung von rechten und menschenfeindlichen Positionen – längst nicht mehr nur am Rand, sondern mitten in der Gesellschaft. Die Wahlerfolge der AfD auf kommunaler Ebene in NRW verschieben Diskurse und schaffen ein Klima, in dem sich rechte Akteure bestärkt fühlen. Das hat direkte Auswirkungen auf Schulen, Initiativen, Verwaltungen und Nachbarschaften. Unsere Beratungsarbeit wird immer häufiger benötigt – doch mit den aktuellen Ressourcen stoßen wir an klare Grenzen.“

Ronja Heukelbach, Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus NRW:
„Rechte Positionen sind 2025 stärker denn je in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Das spüren wir täglich in Schulen, Kommunen und Vereinen – und in einem stark wachsenden Beratungsbedarf.“

Ausstiegs- und Distanzierungsberatung NinA NRW

Jonas Stapper, Ausstiegs- und Distanzierungsberatung NinA NRW

„Wir sehen eine deutlich erhöhte Aktivität und gestiegenes Selbstbewusstsein von extrem rechten Gruppierungen und Einzelpersonen sowie die gezielte Radikalisierung junger Menschen. Viele derjenigen, die heute zu uns kommen zeigen eine starke Ideologisierung und berichten von wenig Gegenreaktion in ihrem Alltag. Das ist erschreckend – und zugleich ein deutliches Warnsignal für die Gesellschaft. Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit braucht Zeit, Vertrauen und intensive Begleitung. Ohne verlässliche Finanzierung gefährden wir die Chance, diese Menschen nachhaltig aus extrem rechten Strukturen zu lösen.“

Jonas Stapper, Ausstiegs- und Distanzierungsberatung NinA NRW

„Rechtsextreme Strukturen treten wieder selbstbewusster auf und sprechen gezielt Jugendliche an. Ausstiegsarbeit ist daher wichtiger denn je, braucht aber verlässliche Ressourcen.“

Opfer- und Betroffenenberatungsstellen in NRW

Fabian Reeker, Opferberatung Rheinland (OBR)

„Wir erleben tagtäglich, wie sich rechte, rassistische, antisemitische, queerfeindliche und andere menschenfeindliche Gewalt weiter zuspitzt. Immer mehr Betroffene suchen nach teils schweren Gewalterfahrungen aktiv die Unterstützung der Beratungsstellen und berichten dabei von einer zunehmenden Enthemmung der Gewalt. Viele sind zutiefst verunsichert, manche haben Angst, überhaupt noch am öffentlichen Leben teilzunehmen. Die steigenden Zahlen der Anfragen bei den Beratungsstellen zeigen, wie dramatisch die Lage ist. Ohne eine dauerhafte und verlässliche Finanzierung können wir diesen Menschen nicht mehr in dem Umfang zur Seite stehen, wie es dringend nötig wäre.“

Fabian Reeker, Opferberatung Rheinland (OBR)
„Wir erleben eine deutliche Zunahme der Beratungsbedarfe bei Betroffenen rechter Gewalt – auch aufgrund einer zunehmenden Enthemmung der Gewalt. Der Anstieg der Beratungsanfragen zeigt, wie dringend Betroffene Unterstützung brauchen.“

Die Jahresbilanz können Sie hier herunterladen.

Berlin, den 12.09.2025

Das reale Ausmaß rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalttaten wird durch das Bundeskriminalamt und die Landeskriminalämter nur unvollständig und uneinheitlich erfasst. Das zeigt eine aktuelle Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Kleine Anfrage zur politisch motivierten Kriminalität rechts (PMK-rechts) der Bundestagsabgeordneten Clara Bünger (Die Linke)[1]. Ein Vergleich mit dem Monitoring unabhängigen Opferberatungsstellen verdeutlicht in der Mehrzahl der Bundesländer dramatische Abweichungen. Die Bundesländer mit den höchsten Fallzahlen rechter Gewalttaten pro 100.000 Einwohner:innen im Monitoring der Opferberatungsstellen[2] sind nur teilweise identisch mit den Bundesländern, die das BKA als die fünf Spitzenreiter unter 16 Bundesländern ausweist: Berlin (Reach Out & RIAS Berlin: 9,99 / BKA 2,42), Hamburg (empower: 9,5 / BKA: 6,24), Sachsen-Anhalt (Mobile Opferberatung: 8,3 / BKA: 4,96), Mecklenburg-Vorpommern (LOBBI 6,59  / BKA: 7,2 , Brandenburg (Opferperspektive: 5,99 / BKA: 4,42 ), Thüringen (ezra: 5,82 / BKA: 6,3)  und Sachsen (RAA SUPPORT: 5,25 /BKA 3,06).

In Hinblick auf die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt im Jahr 2026 befürchten die Opferberatungsstellen einen weiteren Anstieg des ohnehin extrem hohen Niveaus rechter Gewalt und eine Ausweitung der Gefahrenzonen. Denn die Erfahrungen aus Brandenburg, Thüringen und Sachsen zeigen: In Bundesländern mit hohen Zustimmungswerten für rechtsextreme Parteien wie die AfD haben rechte Angriffe während des Wahlkampfs 2024–etwa auf Kandidat:innen demokratischer Parteien, demokratisch Engagierte und migrantisierte Betroffene und Geflüchtete – erheblich zugenommen.

In der Auswertung der Angriffszahlen wird auch deutlich: Damit das reale Ausmaß rechter Gewalt und zeitnah Unterstützungsangebote bekannt werden, braucht es in allen Bundesländern regelmäßige Austauschformate zwischen Ermittlungsbehörden und Opferberatungsstellen. In Thüringen beispielsweise, sagt Franz Zobel von ezra, „ist das Ausmaß rechter Gewalt noch massiver als bislang von ezra registriert.“ Im unabhängigen Monitoring hatte die Opferberatungsstelle bereits 206 rechte Gewalttaten registriert – nun kommen aus der BKA-Fallliste 79 weitere Verdachtsfälle hinzu. „Dabei gilt es zu beachten, dass eine erhebliche Zahl rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalttaten von den Behörden nicht als PMK-rechts- eingestuft werden,“ betont Franz Zobel und warnt: „Rechte Gewalt entwickelt sich im Freistaat Thüringen zu einem Massenphänomen.“

Rechte Gewalt ist ein bundesweites Problem: Fallbeispiele aus dem Monitoring der Opferberatungsstellen zeigen die Lücken

Mit Ausnahme von Hamburg ist die Diskrepanz zwischen dem Monitoring der Opferberatungsstellen und den BKA-Zahlen in den westdeutschen Flächenländern und Stadtstaaten besonders gravierend und verweist auf ein dramatisches Ausmaß von Untererfassung.  Das Monitoring der Beratungsstellen macht deutlich: Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt betrifft alle Bundesländer.

  • Nordrhein-Westfalen: „Während das BKA für NRW lediglich 154 rechte Gewalttaten zählt, haben die Opferberatung Rheinland (OBR) und BackUp NRW in 2024 mehr als 294 Gewalttaten dokumentiert – darunter drei Tötungsdelikte, vier versuchte Tötungen und zwölf Brandanschläge. „Dass diese Realität in den offiziellen Statistiken nicht auftaucht, zeigt, wie groß die Lücke in der Erfassung rechter Gewalt ist“, kritisiert Fabian Reeker von der OBR. So fehlen in den Polizeistatistiken beispielsweise der tödliche rassistische Brandanschlag im März 2024 in Solingen oder der Angriff eines AfD-Delegierten und Kommunalpolitikers aus einen Gegendemonstranten beim AfD-Parteitag in Essen durch einen Biss in die Wade (Juni 2024). „Wenn immer wieder zur Anzeige gebrachte Gewalttaten, in denen eindeutige Hinweise auf ein rechtes Tatmotiv vorliegen, nicht in die Polizei-Statistiken aufgenommen werden, dann ist das mehr als ein bloßes Erfassungsdefizit. Für die Betroffenen bedeutet es Unsichtbarkeit und Entwertung ihrer Erfahrungen“, sagte Fabian Reeker von der Opferberatung Rheinland.
  • Bayern: Die Beratungsstelle B.U.D. kritisiert, dass mindestens 45 zur Anzeige gebrachte Gewalttaten mit rechtem oder rassistischem Tatmotiv in der Polizei-Statistik fehlen. In Nürnberg (Bayern) beispielsweise wurde ein junger Mann homofeindlich beleidigt und mit einem Messer verletzt. Trotz klarer Hinweise auf ein queerfeindliches Motiv wird der Angriff in der Statistik nicht als rechte Gewalt erfasst.
  • Mecklenburg-Vorpommern (Beratungsstelle LOBBI): „Rechte Gewalt und rassistischer Alltag werden unsichtbar gemacht, wenn die Pressestellen der Polizei sie verschweigen. Wir haben noch immer nicht den Eindruck, dass auf der untersten Ebene der Ermittlungsbehörden die Aufnahme von Anhaltspunkten für ein rassistisches Tatmotiv zuverlässig erfolgt.“
  • Hamburg (Beratungsstelle empower): „Die Anzahl der rechten Körperverletzungen hat sich 2024 in Hamburg verdoppelt. Diese Taten sind Botschaftstaten, die Verunsicherung und Bedrohung verbreiten. Das tatsächliche Ausmaß wird durch die offizielle Statistik nur unzureichend abgebildet.“

„Die Diskrepanz zwischen offiziellen Zahlen und unserer unabhängigen Dokumentation zeigt: Das reale Ausmaß rechter Gewalt ist weitaus größer als bislang erfasst. Für Betroffene hat das unmittelbare Folgen für ihr Sicherheitsgefühl – und für die gesamte Gesellschaft bedeutet es, dass Bedrohungen nicht in ihrem vollen Umfang sichtbar werden“, betonen die Opferberatungsstellen im VBRG e.V.

Die Aufschlüsselung von rechten Gewalttaten pro Bundesland pro 100.000 Einwohner:innen durch das BKA sollte Routine sein und nicht auf parlamentarische Nachfragen beruhen müssen. Die Opferberatungsstellen veröffentlichen diese schon seit mehreren Jahren, um das Ausmaß rechter Gewalt sichtbar zu machen.

Die Statistiken der Opferberatungsstellen aus den Jahren 2024 und 2023 finden Sie hier:

Kontakt

VBRG e.V. – Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e.V.
Web: www.verband-brg.de
E-Mail: info@verband-brg.de
Tel. 030 – 33859577

[1] BT-Drs. 21/331 vom 29.8.2025

[2] Für eine bessere Vergleichbarkeit der PMK Rechts Gewaltdelikte mit dem Monitoring der Opferberatungsstellen sind die Fallzahlen pro Bundesland und 100.000 Einwohner:innen ohne Bedrohungen, Nötigungen und schwere Sachbeschädigungen erfasst.

Download: PDF – Pressemitteilung: Unvollständige Erfassung verschleiert Ausmaß rechter Gewalt

Gemeinsame Pressemitteilung der spezialisierten Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer (kurz: rechter) Gewalt in NRW Opferberatung Rheinland (OBR) und Betroffenenberatung Backup.

Die Jahresbilanz 2024 der beiden Betroffenenberatungsstellen in NRW zum Ausmaß rechter, rassistischer, antisemitischer oder anderer menschenfeindlicher Gewalt ist alarmierend. 526 Angriffe mit 728 direkt Betroffenen (plus 40 indirekt Betroffenen) wurden in NRW für das Jahr 2024 dokumentiert. Das bedeutet, dass jeden Tag mindestens 2 Menschen Opfer rechter, rassistischer, antisemitischer oder anderer menschenfeindlich motivierter Gewalt in NRW werden

alle 17 Stunden findet ein Angriff statt. ,,Für das Jahr 2024 haben wir mit 526 Angriffen einen erschreckenden Höchststand rechter Gewalttaten in NRW dokumentiert. Dieser Anstieg um rund 48 % zum Vorjahr ist für uns als Betroffenenberatungsstellen in NRW eine äußerst besorgniserregende Entwicklung, die sich auch in gestiegenen Beratungsintensitäten und vermehrten Fallanfragen wiederspiegelt“, sagt Fabian Reeker, Projektleiter der Opferberatung Rheinland.

Enthemmung und Brutalität rechter Gewalt in NRW 2024

„Die Enthemmung rechter Gewalt ist für unsere Beratungsnehmer*innen deutlich spürbar“, so berichtet Lara <;elikel, Beraterin der OBR. Sabrina Hosono der OBR ergänzt: ,,In keinem Jahr seit Beginn unseres Monitorings gab es in NRW so viele Tote [8 Todesopfer] durch rechte Gewalt wie 2024. Diese Entwicklung ist alarmierend. Dabei bedroht rechte Gewalt gezielt Menschen, die als ’nicht zugehörig‘ markiert werden sie richtet sich gegen unsere pluralistische Gesellschaft insgesamt.,,

Insgesamt 265 Körperverletzungen, 12 Brandstiftungen und 8 Todesopfer dokumentierten OBR und Backup in NRW für 2024. ,,Tötungsdelikte sind Ausdruck einer maximalen Eskalation – sie machen deutlich, dass rechte Gewalt in NRW lebensbedrohlich ist“, so Hosono (OBR).

Rassismus ist weiterhin das am häufigsten registrierte Tatmotiv. Zugenommen haben rassistische Angriffe gegen Muslim*innen und muslimisch gelesene Personen. Die Zahl anti­ Schwarzer Angriffe ist konstant hoch und äußert sich in brutaler physischer Gewalt. Einen beunruhigenden Anstieg verzeichnen die Beratungsstellen zudem bei Angriffen mit antisemitischer Tatmotivation und gegen politische Gegner*innen.,,Wir beobachten seit Jahren, dass antisemitische Gewalt in ihrer Häufung wie auch in ihrer Enthemmung zunimmt und dabei längst nicht mehr nur Randphänomen ist. Die Zahlen für 2024 zeigen: Antisemitismus ist gewaltvoll, strukturell und mitten in der Gesellschaft verankert“, erläutert Katherina Savchenka, Beraterin der OBR. Zum Ausmaß rechter Gewalt gegen politische Gegner*innen stellt Hosono (OBR) heraus: ,,Rechte Gewalt richtet sich zunehmend gegen Repräsentanten demokratischer Werte. Die Fälle reichen von Körperverletzung bis hin zu Sachbeschädigungen und

zielen auf die Delegitimierung politischer Repräsentation.“ Gewalttaten gegen LSBTIQ+ Personen sind auf einem kontinuierlich hohen Niveau. Alarmierend ist auch: In 18 Fällen richtete sich die Gewalt gezielt gegen wohnungslose Menschen. ,,Insbesondere bei Taten gegen Wohnungslose ist eine enthemmte Gewalt zu beobachten, die oftmals unaufgeklärt bleibt. Menschen wurden beispielsweise während des Schlafens brutal attackiert und angezündet“, sagt Thomas Billstein von Backup. Zahlreiche dieser Taten ereigneten sich zudem an Orten, an denen sich wohnungslose Menschen notgedrungen aufhalten, sodass diese Menschen der Gewalt meist schutzlos ausgeliefert waren.

Die Häufung und Brutalität dieser Taten deutet auf eine weiter sinkende Hemmschwelle und auf eine zunehmende Bereitschaft zu direkten physischen Angriffen innerhalb rechter Gewaltmilieus hin. Die gesellschaftliche Signalwirkung dieser Taten muss als Ausdruck einer sich verschärfenden rechten Gewaltstrategie verstanden werden. Täter*innen nehmen schwerste Verletzungen oder den Tod von Menschen bewusst in Kauf – oder zielen bewusst darauf ab.

Regionale Häufung im Rheinland und wieder mehr Angriffe im öffentlichen Raum Die Jahresbilanz 2024 zeigt, dass sich besonders viele Fälle im Rheinland und hier in urbanen Räumen konzentrieren – vor allem dort, wo gesellschaftliche Vielfalt auf strukturell verfestigte Abwertungen trifft. Wieder deutlich zugenommen haben Angriffe im öffentlichen Raum, d.h. auf der Straße, im ÖPNV wie auch bei Demonstrationen und Kundgebungen. ,,Es ist besorgniserregend, dass Köln auch bei Gewalt gegen LSBTIQ+ Personen den landesweiten Höchstwert markiert sowohl absolut als auch anteilig. Diese Entwicklungen sind kein Zufall.

Gerade in urbanen Räumen, in denen marginalisierte Gruppen sichtbarer sind, richtet sich rechte Gewalt gezielt gegen gelebte Vielfalt und Selbstbestimmung. Das macht deutlich: Die Täter*innen wollen nicht nur verletzen sie wollen auch, dass Räume nicht mehr sicher sind“, sagt Hannah Richardy, Beraterin der OBR. Die teils schwerwiegenden Taten sind meist gezielt gegen Communities gerichtet – ihr Symbolcharakter wirkt über die konkrete Tat hinaus und hinterlässt Angst, Wut und Ohnmacht in den betroffenen Gruppen.

,,Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl rechter Gewalttaten im Rheinland um über 70% gestiegen. In mehr als der Hälfte aller erfassten Orte haben sich die Vorfälle mindestens verdoppelt. Diese Dynamik ist erschütternd sie zeigt, dass rechte Gewalt längst kein Randphänomen ist. Sie ist Alltag“, stellt Asal Kosari, Beraterin der OBR, heraus. Eileen Beyer, Beraterin von Backup, ergänzt:,,Viele Betroffene berichten uns, dass sie bei Angriffen im öffentlichen Raum keinerlei Unterstützung durch umstehende Passant*innen erfahren haben. Das verstärkt das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit, auch über den Angriff hinaus. Betroffene fühlen sich lange unsicher selbst an belebten Orten. Sie haben nicht nur Angst vor erneuter Gewalt, sondern auch davor wieder allein gelassen zu werden.“ Für betroffene Personen bedeutet dies eine meist starke Einschränkung der Bewegungsfreiheit und einen Rückzug aus Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. ,,Die ausbleibende Zivilcourage hat weitreichende Folgen: Sie erschüttert das Vertrauen in gesellschaftliche Solidarität und normalisiert rassistische, antisemitische und extrem rechte Gewalt als Teil des öffentlichen Lebens“, so Beyer (BackUp) weiter.

,,Auch wenn aus den Metropolen und Großstädten die meisten Gewalttaten gemeldet werden, ist seit Jahren eine Steigerung von Fällen aus dem ländlichen und kleinstädtischen Raum zu beobachten. Rechte Gewalt ist in der Breite der Gesellschaft zu verorten“, resümiert Billstein (BackUp).

Gravierende Diskrepanz zur PMK-rechts Statistik

Auffällig ist erneut die große Diskrepanz der Jahresbilanz der Beratungsstellen zu behördlich erfassten Angriffen in NRW in 2024: Der Verfassungsschutzbericht NRW für 2024 gibt Auskunft über 154 dokumentierte rechte Gewalttaten sowie 83 Bedrohungsdelikte. Damit liegen die Zahlen der beiden Betroffenenberatungsstellen in NRW mit insgesamt 526 Fällen deutlich höher. Die Diskrepanz unterstreicht, dass das tatsächliche Ausmaß rechter Gewalt in NRW deutlich höher liegt als offiziell ausgewiesen.

„Wenn immer wieder selbst angezeigte Gewalttaten, in denen eindeutige Hinweise auf ein rechtes Tatmotiv vorliegen, keinen Eingang in die PMK-rechts Statistik finden, dann ist das nicht nur ein Erfassungsdefizit, sondern eine systematische Verschleierung des tatsächlichen Ausmaßes rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt“, so Reeker (OBR).

Konsequenzen für Betroffene und Forderungen an Landesregierung und Kommunen

„Ratsuchende, die von Rassismus betroffen sind, berichteten uns vermehrt, dass sie ernsthaft darüber nachdenken, Deutschland zu verlassen. Ausschlaggebend ist dabei nicht allein die offen rassistische Rhetorik der AfD, sondern vor allem, dass diese zunehmend von anderen Parteien übernommen und gesellschaftlich normalisiert wird“, erläutert Nils J., Berater von Backup. ,,Auch in NRW mehren sich Zustimmungswerte für extrem rechte Positionen, verschärfen rassistische Botschaften die politische Stimmung, treiben den Diskurs und die politische Praxis nach rechts und schlagen in reale Gewalt um. Für die Betroffenen dieser Politik bedeutet das konkrete und existenzielle Gefährdungslagen und ein permanentes Unsicherheitsgefühl. Es braucht jetzt nicht nur klare politische Abgrenzung nach Rechts, sondern aktive Solidarität und einen politischen Gegenentwurf: Schutz, Unterstützung und eine Politik, die sich konsequent an den Rechten und Perspektiven der von rechter Hetze Betroffenen orientiert“, schließt Hosono (0BR).

„Angesichts der dramatisch hohen Zahlen rechter Gewalt braucht es ein klares Bekenntnis zu Schutz und Solidarität mit den Betroffenen: NRW muss spezialisierte Opferberatungsstellen verlässlich und dauerhaft finanzieren sowie zivilgesellschaftliche Anlaufstellen strukturell stärken, die tagtäglich demokratie- und menschenfeindlichen Dynamiken entgegenwirken nicht im Rahmen von Projektfinanzierung, sondern als staatliche Verpflichtung“, schlussfolgert Fabian Reeker (0BR).

Ausführliche Analysen sowie die grafische Aufbereitung der Statistik finden sich im Hintergrundpapier zur Jahresstatistik 2023. Die Grafiken sind unter Nennung der Quelle (Opferberatung Rheinland und BackUp) frei verwendbar. Downloadbar auf den Webpräsenzen der Fachberatungsstellen:
www.opferberatung-rheinland.de
www.backup-nrw.org

Ansprechpartner*innen für Interviews und Rückfragen:

FabianReeker(OBR) | Telefon: 0177 844 35 72 | Mail: info[at]opferberatung-rheinland.de
Toni Wagner (BackUp) | Telefon: 01520 634 31 35 | Mail: presse[at]backup-nrw.org

Pressemittelung: Rechte Gewalt 2024: Neuer Höchststand in NRW – Jahresbilanz der Opferberatungsstellen NRW

Hintergrundpapier Jahresbilanz rechter Gewalt 2024: Ein neuer Höchststand in NRW Langfassung

Hintergrundpapier Jahresbilanz rechter Gewalt 2024: Ein neuer Höchststand in NRW Kurzfassung

Folgende Grafiken können mit Nennung der Quelle gerne genutzt werden: